
Niedriges KGV, günstige Aktie? Nicht unbedingt.
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Der Preis der Vorstellungskraft
06.02.2026Wenn Apple eine Value-Aktie ist – was ist dann Value?
Kaum ein Begriff an der Börse wird so selbstverständlich benutzt wie „Value“. Value-Fonds, Value-ETFs, Value-Faktor, Value-Investoren. Man könnte meinen, dahinter stehe eine klare Definition. Ein Blick in die Praxis zeigt das Gegenteil: Wer heute „Value“ kauft, bekommt je nach Anbieter völlig verschiedene Aktien – und völlig verschiedene Renditen.
Value Investing: Ein Begriff, drei Schulen
Die erste Schule ist die von Benjamin Graham: Kaufe ein Unternehmen deutlich unter dem, was es bei einer Liquidation wert wäre, und lass dir eine Sicherheitsmarge. Das ist Value als Preisdisziplin – Bilanz gegen Kurs. Nur: Diese Konstellation ist selten geworden. Graham selbst räumte 1976 ein, aufwendige Analysen zur Suche nach unterbewerteten Aktien nicht mehr zu empfehlen – zu viele Analysten durchsuchten inzwischen denselben Markt. Fünfzig Jahre später gilt das umso mehr: Aktien unter Liquidationswert finden sich fast nur noch bei sehr kleinen, illiquiden Werten, meist aus gutem Grund. Taucht eine solche Lücke bei einem liquiden Titel auf, ist sie in der Regel rasch geschlossen. Buffett, der mit Grahams Methode seine besten Jahre hatte, nannte sie später „nur bis zu einem gewissen Punkt skalierbar“.
Die zweite Schule ist die von Warren Buffett und Charlie Munger, die deshalb Grahams Idee weiterentwickelten: Lieber ein hervorragendes Unternehmen zu einem fairen Preis als ein mittelmäßiges zum Schnäppchenpreis. Hier ist Value ein Urteil über Qualität und Zukunft, nicht über den Buchwert.
Die dritte Schule ist die akademische: Seit Fama und French 1992 ist „Value“ ein statistischer Faktor – Aktien mit hohem Buchwert im Verhältnis zum Kurs haben historisch besser abgeschnitten. Punkt. Kein Urteil, keine Analyse, eine Kennzahl.
Buffett selbst hielt den Begriff 1992 für entbehrlich:
„Wir halten den Begriff Value Investing für eine Tautologie. Was ist Investieren, wenn nicht die Suche nach einem Wert, der den gezahlten Preis mindestens rechtfertigt?“
Was die Finanzindustrie daraus macht
Die dritte Schule ist die, die Sie mit einem Value-ETF erwerben. Allerdings definiert jeder Indexanbieter die Kennzahlen anders.
Der MSCI World Value Index nutzt Buchwert, erwartetes Gewinnverhältnis und Dividendenrendite – seine größten Positionen sind derzeit JPMorgan Chase und Berkshire Hathaway. Das klingt nach Value, wie man ihn sich vorstellt.
Der MSCI World Enhanced Value Index nimmt den Cashflow hinzu und vergleicht nur innerhalb der Branche. Das Ergebnis ist ein anderes Portfolio: An der Spitze steht Cisco, daneben finden sich AT&T, IBM und Intel – Technologiekonzerne, deren beste Wachstumsjahre der Markt hinter ihnen vermutet.
Der größte US-Value-ETF auf den S&P 500 wiederum führt seit der Indexumstellung im Dezember 2024 Apple als größte Position, gefolgt von Microsoft und Amazon. Nicht, weil diese Unternehmen billig geworden wären, sondern weil die S&P-Methodik Titel mit gemischtem Profil anteilig beiden Stilen zuordnet – und ihr Wachstum zuletzt nicht mehr zu den schnellsten gehörte. Über Nacht verdreifachte sich der Technologieanteil des Value-Index.
Drei Indizes, dreimal „Value“ auf dem Etikett – und drei verschiedene Spitzenreiter: eine Großbank, ein Netzwerkausrüster, ein iPhone-Hersteller.
Dieselbe Frage, drei Antworten
Entsprechend widersprüchlich fallen die Renditen aus. Wer fragt, ob Value in den letzten Jahren funktioniert hat, bekommt je nach Jahr und Index eine andere Antwort. Im Abschwung 2022 verlor der MSCI World Value nur etwa ein Drittel dessen, was der Weltindex einbüßte – Momentum dagegen fiel so tief wie der Markt. In den beiden Erholungsjahren danach drehte sich das Bild: Value erzielte nur etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Marktrendite, der Enhanced Value blieb 2024 noch weiter zurück, während Momentum das Anderthalbfache des Marktes gewann. Und im ersten Quartal 2025 lag Value in den USA wieder deutlich vor Growth. Hat Value also funktioniert? Das hängt davon ab, wann man fragt – und wessen Value man meint.
Fazit
„Das“ Value Investing gibt es nicht. Es gibt eine Preisdisziplin, die der Markt weitgehend wegrationalisiert hat, ein Qualitätsurteil und eine Kennzahl – und alle drei tragen denselben Namen. Für den Anleger ist das mehr als eine Begriffsfrage: Wer einen Value-ETF kauft, kauft eine Formel, und die Formel hält heute womöglich genau die Aktien, vor denen ein Value-Investor der ersten oder zweiten Schule warnen würde. Wer Wert dagegen nicht als Formel, sondern als Ergebnis einer Analyse versteht, kommt zu anderen Positionen – und zu anderen Fragen.
Die Frage, die sich jeder stellen sollte, der Value im Depot hat: Wessen Value ist das eigentlich?
Disclaimer: Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich Informations- und Bildungszwecken. Sie stellen keine Anlageempfehlung dar – Investitionen erfolgen immer auf Ihre eigene Verantwortung. Weitere Informationen diesbezüglich finden Sie auf den rechtlichen Seiten.
Quellen (Stand: April 2025)
Benjamin Graham: „A Conversation with Benjamin Graham“, Financial Analysts Journal, 1976. — Warren Buffett: „Berkshire – Past, Present and Future“, Sonderbrief zum 50. Jubiläum, 2014 (Zitat zur Skalierbarkeit der „Cigar-Butt“-Methode); Aktionärsbrief 1992 (Zitat zur Tautologie). — Fama & French: „The Cross-Section of Expected Stock Returns“, Journal of Finance, 1992.
MSCI World Value Index, Factsheet per 31.01.2025 (Top-Positionen; Jahresrenditen 2022–2024 gegenüber MSCI World). Zwischen Januar und April 2025 fand keine Überprüfung der Style-Indizes statt.
MSCI World Enhanced Value Index und MSCI World Momentum Index, Factsheets (Jahresrenditen 2022–2024 gegenüber MSCI World). Top-Positionen des Enhanced Value: iShares MSCI USA Value Factor ETF, Portfoliobericht per 30.04.2025 (SEC Form N-PORT), sowie DAS INVESTMENT, 11.09.2024.
iShares S&P 500 Value ETF: Jahresbericht iShares Trust per 31.03.2025 (SEC Form N-CSR; Apple 7,6 %, Microsoft 5,6 %, Amazon 3,2 %). — S&P Dow Jones Indices, Indexology Blog, 14.01.2025: „2024 S&P U.S. Style Indices Rebalancing“ (IT-Anteil im S&P 500 Value von 7,9 % auf 24,8 %).
Value vs. Growth im ersten Quartal 2025: FTSE Russell, Russell 1000 Value und Russell 1000 Growth, Q1 2025.



