
Exkurs Kapitalallokation
15.03.2024
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10.05.2025Das KGV: Warum „günstig“ an der Börse ein Warnsignal sein kann
Wenn Anleger eine Aktie bewerten wollen, greifen viele zuerst zu einer Kennzahl: dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Es ist schnell zu erheben, überall verfügbar und scheinbar eindeutig. Doch gerade diese Eindeutigkeit ist trügerisch. Eines der bekanntesten Beispiele: IBM. Der Konzern galt in den 2010er-Jahren als günstig – und trotzdem blieb die Wertentwicklung der Aktie über Jahre hinter dem Markt zurück. Die Kennzahl war nicht falsch - Sie wurde nur oft nicht in entsprechendem Kontext betrachtet.
Was das KGV eigentlich misst
Das KGV setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie. Ein KGV von 20 bedeutet: Anleger zahlen 20 Euro für jeden Euro Jahresgewinn. Dies ist vergleichbar mit einer Wohnung, die ihren Kaufpreis nach Abzug aller Kosten in 20 Jahren wieder eingespielt hätte. Der Kurs ist dabei eine Tatsache. Der Gewinn ist eine Rechnung – und Rechnungen haben Spielräume.
Drei Täuschungen, wie das KGV variiert werden kann
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- Der Gewinn ist gestaltet.
Abschreibungsdauern, Rückstellungen und „bereinigte“ Ergebnisse verschieben den Nenner – völlig legal. Und kauft ein Unternehmen eigene Aktien zurück, verteilt sich derselbe Gewinn auf weniger Aktien: Der Gewinn je Aktie steigt, auch wenn das Geschäft stagniert. Genau das geschah bei IBM – die Umsätze fielen zwanzig Quartale in Folge, während das KGV „günstig“ signalisierte. - Der Gewinn ist eine Momentaufnahme.
Ein Verkaufsgewinn oder eine Strafzahlung verzerrt ein einzelnes Jahr in die eine oder andere Richtung.
Noch stärker wirkt der Zyklus: Speicherchiphersteller wie Micron sahen in der Vergangenheit extreme Schwankungen der Gewinne.
Peter Lynch formulierte die Regel so:
„Ein sehr niedriges KGV deutet darauf hin, dass die guten Zeiten eines Zyklikers bald enden. Ein hohes KGV deutet darauf hin, dass er das Tal durchschreitet – und sich das Geschäft bald erholen dürfte.“
- Der Gewinn ist (fast) nicht da.
Amazon hatte über viele Jahre hinweg ein dreistelliges KGV – nicht, weil die Aktie überteuert war, sondern weil das Unternehmen fast jeden verdienten Euro sofort reinvestierte und der ausgewiesene Gewinn dadurch nahe null lag. Ein winziger Nenner erzeugt ein riesiges KGV, das über den Wert des Unternehmens schlicht keine Aussagekraft hatte.
- Der Gewinn ist gestaltet.
Der Ausweg, der keiner ist: das Forward-KGV
Um diese drei Probleme zu umgehen, greifen viele Anleger zum Forward-KGV auf Basis der Analystenschätzungen für das kommende Jahr. Doch Schätzungen laufen dem Zyklus hinterher: Sie sind am höchsten, wenn die Gewinne gerade ihren Gipfel erreicht haben. Bei Intel war dies Anfang 2022 der Fall. Das Forward-KGV sah nach dem Ausblick des Managements günstig für einen Technologiekonzern aus. Tatsächlich wurde aber deutlich weniger Gewinn erwirtschaftet und das Forward-KGV lag rückblickend fast doppelt so hoch. Die Aktie war nie so günstig, wie die Zahl versprach.
Die Frage, die selten gestellt wird
Ein (Forward)-KGV von 20 entspricht einer (erwarteten) Gewinnrendite von fünf Prozent. Ob das attraktiv ist, entscheidet nicht die Aktie, sondern die Alternative: Bei Nullzinsen ist diese Zahl ein Geschenk, bei drei bis vier Prozent Anleihenrendite sieht sie anders aus. Das KGV ist keine Eigenschaft eines Unternehmens. Es ist ein Preis – und Preise haben Kontext.
Fazit
Das KGV ist ein guter Anfang und ein schlechtes Ende. Es beantwortet keine Frage, es stellt eine: Warum ist der Gewinn so hoch oder so niedrig, wie er ist? Ob eine Gewinnzahl trägt, lässt sich prüfen – aber nicht mit einer einzelnen Kennzahl.
Bis dahin lohnt sich bei jeder scheinbar günstigen Bewertung eine einfache Gegenfrage: Ist die Aktie billig – oder ist der Gewinn nur gerade hoch?
Disclaimer: Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich Informations- und Bildungszwecken. Sie stellen keine Anlageempfehlung dar – Investitionen erfolgen immer auf Ihre eigene Verantwortung. Weitere Informationen diesbezüglich finden Sie auf den rechtlichen Seiten.



