
Wenn Apple eine Value-Aktie ist – was ist dann Value?
10.05.2025Der Preis der Vorstellungskraft: Über die Kunst zu wissen, was man besitzt
Der Broker flatex hat ausgewertet, welche Aktien seine rund 450.000 Kunden im Jahr 2025 am häufigsten gehandelt haben. Auf den vorderen Plätzen: ein Chiphersteller, Rüstungskonzerne, ein KI-Softwareanbieter – und unter den ersten zehn ein Quantencomputer-Unternehmen. Die Liste wirft eine Frage auf: Warum stehen dort so oft Unternehmen mit besonders komplexen Produkten – und so selten solche, deren Geschäft einfach zu verstehen ist?
Der Preis der Erwartung
Vielen dieser Unternehmen ist eines gemeinsam: Sie werden mit einem Vielfachen dessen bewertet, was der Markt im Durchschnitt zahlt. Zur Einordnung: Die 500 größten US-Unternehmen kosteten in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt etwa das Zweieinhalbfache ihres Jahresumsatzes und behielten von jedem Euro Umsatz rund elf Cent als Gewinn. Manche der beliebtesten Aktien kosten ein Vielfaches davon.
Warum sollte ein hervorragendes Unternehmen jemals am Durchschnitt landen? Weil jedes Geschäftsmodell reift. Märkte sättigen sich, Wettbewerber holen auf, das Wachstum verlangsamt sich. Das ist kein Makel, sondern der normale Lebenszyklus – er trifft gute wie schlechte Unternehmen. Wer heute ein Vielfaches des Marktdurchschnitts bezahlt, setzt darauf, dass sich der Umsatz bis zur Reife vervielfacht und das Unternehmen dabei eine Marge erreicht, die es heute oft noch nicht hat. Wie viele Käufer haben diese Rechnung gemacht? Und wie viele wissen, was das Produkt bis dahin leisten müsste, damit genügend Kunden dafür bezahlen?
Sätze, die sich wie Wissen anfühlen
„Quantencomputer sind die Zukunft.“ „KI verändert alles.“ Der Investitionsgedanke passt in einen Satz – und genau das macht ihn so überzeugend. Eine unbestimmte Zukunft ist die perfekte Projektionsfläche: Was noch nicht existiert, kann alles werden. Bei Aussichten, die uns emotional packen, reagieren wir auf die Möglichkeit, nicht auf die Wahrscheinlichkeit. Der Durchbruch kann in zwei Jahren kommen, in zwanzig – oder gar nicht. Wo nichts feststeht, lässt sich alles vorstellen.
Die Zumutung der Langeweile
Ein Schraubenhersteller, ein Versicherer, ein Lebensmittelhändler: Hier gibt es wenig zu erträumen. Die Zukunft dieser Unternehmen sieht der Gegenwart ähnlich – und das macht sie langweilig. Wer sie hält, muss beim Abendessen erklären, weshalb er sich womöglich vor der Zukunft verschließt. Phantasielosigkeit fühlt sich an der Börse an wie ein Fehler. Öfter denn je ist sie jedoch keiner.
Der Zwei-Minuten-Test
Peter Lynch hat es in vier Worte gefasst: „Know what you own.“ Sein Test: Wer einem Kind nicht in zwei Minuten erklären kann, warum er eine Aktie besitzt, sollte sie nicht besitzen. Dahinter steckt mehr als Bescheidenheit. Zwei Psychologen der Yale University zeigten 2002, dass Menschen ihr Verständnis alltäglicher Dinge – Reißverschluss, Toilettenspülung – deutlich überschätzen, bis sie es erklären sollen. Sie nannten es die Illusion der Erklärtiefe. Wer sie kennt, traut dem Gefühl, etwas zu verstehen, nicht mehr blind.
Wer weniger erwartet, wird seltener enttäuscht
Der nüchterne Grund, warum bekannte Investoren das Einfache bevorzugen: Es lässt sich fortschreiben. Die Investmentfirma Verdad hat Analystenschätzungen für US-Aktien von 1997 bis 2021 mit den tatsächlichen Ergebnissen verglichen. Bei den Unternehmen mit den höchsten Wachstumserwartungen traf höchstens jede zweite Prognose ein. Bei denen mit den niedrigsten Erwartungen lieferten rund zwei Drittel eine positive Überraschung. Wer Langweiliges kauft, irrt sich seltener.
Hinzu kommt: Analysten sind keine neutralen Beobachter. Ihre Schätzungen fallen seit Jahrzehnten systematisch zu optimistisch aus, und in freundlichen Börsenphasen orientieren sie sich besonders stark an der Meinung ihrer Kollegen – die Masse bestätigt sich selbst. Dreht der Zyklus, werden die Schätzungen nur zögerlich gesenkt; die größten Fehleinschätzungen fallen daher meist mit dem Abschwung zusammen. Erst am Tiefpunkt kippt das Bild, und die Unternehmen übertreffen die dann gedrückten Erwartungen. Wer Prognosen für komplexe Wachstumsgeschichten liest, sollte also wissen, in welcher Marktphase sie entstanden sind.
Fazit
Die beliebtesten Aktien sind so oft die komplexesten, weil Komplexität und Phantasie sich gegenseitig nähren: Je weniger sich ein Geschäft heute beziffern lässt, desto mehr lässt sich hineindenken. Vorstellungskraft wird an der Börse allerdings teuer bezahlt.
Die Frage, die sich somit jeder stellen kann: Bei welcher Aktie kaufen Sie das Geschäft – und bei welcher die Geschichte?
Disclaimer: Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich Informations- und Bildungszwecken. Sie stellen keine Anlageempfehlung dar – Investitionen erfolgen immer auf Ihre eigene Verantwortung. Weitere Informationen diesbezüglich finden Sie auf den rechtlichen Seiten.
Quellen (Stand: Februar 2026)
flatex-Auswertung der Handelsaktivität von rund 450.000 Kunden (Stand 13.12.2025), veröffentlicht am 19.12.2025 bei broker-test.de: https://broker-test.de/trading-news/nvidia-und-rheinmetall-das-waren-die-lieblings-aktien-der-deutschen-2025/
S&P 500 Kurs-Umsatz-Verhältnis, Jahresendwerte 2016–2025 (Durchschnitt ca. 2,5), multpl.com, abgerufen am 14.09.2026: https://www.multpl.com/s-p-500-price-to-sales/table/by-year
S&P 500 Nettomarge, Zehnjahresdurchschnitt 11,0 %: FactSet, „S&P 500 CY 2026 Earnings Preview“, 19.12.2025: https://insight.factset.com/sp-500-cy-2026-earnings-preview-analysts-expect-earnings-growth-of-15
Rozenblit, L. & Keil, F. (2002): The misunderstood limits of folk science: an illusion of explanatory depth. Cognitive Science 26, 521–562: https://cogdevlab.yale.edu/sites/default/files/files/rozenblit%20&%20keil%20%202002.pdf
Chingono, B. & Obenshain, G. (Verdad, 10.10.2022): The Sages of Wall Street: https://verdadcap.com/archive/the-sages-of-wall-street
Welch, I. (2000): Herding among security analysts. Journal of Financial Economics 58, 369–396: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0304405X00000763
Goedhart, M., Raj, R. & Saxena, A. (McKinsey, 2010): Equity analysts: Still too bullish: https://www.mckinsey.com/capabilities/strategy-and-corporate-finance/our-insights/equity-analysts-still-too-bullish



